- Berufskraftfahrer
- Zeitdruck
- Punkte-MPU
Acht Punkte in Flensburg, und die Fahrerlaubnis ist weg. Wer beruflich fährt, verliert damit oft mehr als das Auto: Im schlimmsten Fall steht der Job auf dem Spiel. In meiner Arbeit als Verkehrspsychologe sehe ich immer wieder, dass hinter gehäuften Tempo- oder Abstandsverstößen nicht unbedingt Gleichgültigkeit steckt. Häufig beginnt es mit einem Anspruch, der eigentlich sympathisch ist: zuverlässig sein, liefern, den Auftrag noch schaffen.
Wenn gute Arbeit zum Risiko wird
Viele meiner Klientinnen und Klienten kommen zu mir, weil wegen ihres Punktekontos eine MPU wegen Punkten ansteht. Bei manchen haben sich die Verstöße über Jahre gesammelt, bei anderen in wenigen Monaten.
In Logistik und Paketdienst fällt mir dabei ein Muster besonders oft auf. Es sind gar nicht so sehr die Fahrer, denen Regeln egal sind. Es sind die, die als zuverlässig und belastbar gelten wollen und deshalb zu spät sagen, wenn es nicht mehr passt.
Fallbeispiel aus der Praxis
Der eigene Lkw als Ziel
Ein Fahrer, mit dem ich gearbeitet habe, war als Springer eingesetzt und fuhr ständig wechselnde Lkw. Sein Chef hatte ihm ein eigenes Fahrzeug in Aussicht gestellt, wenn die Leistung stimmt. Für ihn war das mehr als eine praktische Sache: Der eigene Lkw stand für Anerkennung, für Status und dafür, sich den Arbeitsplatz endlich selbst einrichten zu können.
Daraus wurde mit der Zeit ein innerer Druck, Probleme allein zu lösen. Ein Stau, eine Übergabe, die länger dauert, zwei Stopps im Rückstand – statt der Dispo Bescheid zu geben, hieß es im Kopf: „Das muss ich trotzdem schaffen.“
Die verlorene Zeit sollte dann auf der Straße zurückgeholt werden: etwas schneller, etwas dichter auf, eine Lücke genommen, die man ohne Druck hätte stehen lassen.
Das Tückische: Klappt es trotzdem, fühlt sich die Strategie wie ein Erfolg an. Und was sich bewährt hat, wird beim nächsten Mal wieder gemacht – bis irgendwann die Punkte kommen.
Warnsignale gibt es vor dem achten Punkt
Das Fahreignungs-Bewertungssystem arbeitet mit drei Stufen:
-
Stufe 1
4–5 Punkte
Ermahnung
Schriftlich, mit Hinweis auf das freiwillige Fahreignungsseminar.
-
Stufe 2
6–7 Punkte
Verwarnung
Ab hier können ein oder zwei weitere Verstöße für den Entzug reichen.
-
Stufe 3
ab 8 Punkten
Entzug
Die Fahrerlaubnis wird entzogen, Neuerteilung frühestens nach sechs Monaten.
Nach einer Entziehung darf frühestens sechs Monate später eine neue Fahrerlaubnis erteilt werden. In der Regel verlangt die Fahrerlaubnisbehörde dann das Gutachten einer amtlich anerkannten Begutachtungsstelle für Fahreignung, also eine MPU (§ 4 StVG).
Die meisten Betroffenen melden sich erst nach dem Entzug bei mir. Sinnvoller wäre es deutlich früher, und zwar nicht nur für den Fahrer.
Was Arbeitgeber bei wiederholten Verstößen tun können
Häufen sich die Verstöße eines Fahrers, ist das ein guter Anlass für ein Gespräch. Es geht dabei nicht darum, Schuld zu verteilen, sondern um eine Frage: Warum passiert das immer wieder?
Fragen für das Gespräch
- Treten die Verstöße auf bestimmten Touren oder zu bestimmten Zeiten auf?
- Sind diese Touren realistisch geplant, auch mit Stau oder langen Übergaben?
- Erfährt die Disposition rechtzeitig, wenn eine Tour aus dem Plan läuft?
- Erlebt der Fahrer eine Verspätungsmeldung als normalen Teil der Arbeit oder als persönliches Versagen?
- Ist die Fahrweise auch ohne Zeitdruck riskant?
Für den einzelnen Verstoß bleibt der Fahrer verantwortlich. Das heißt aber nicht, dass alle Ursachen allein bei ihm liegen.
Wenn der Zeitplan im Lauf des Tages kippt
Wie schnell sich die Bedingungen ändern können, hat der Sommer 2026 gezeigt. Wegen des extremen Niedrigwassers an Rhein und Donau mussten deutlich mehr Güter auf Straße und Schiene ausweichen. Bund und Länder haben im August deshalb unter anderem Ausnahmen vom Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw ermöglicht (Pressemitteilung des BMV vom 12.08.2026).
Für den Alltag auf der Tour heißt das: Ein Zeitplan kann morgens gut kalkuliert sein und mittags trotzdem nicht mehr aufgehen. Mehr Verkehr, Baustellen, Wartezeiten an der Rampe – das lässt sich nicht wegplanen. Planbar ist aber, was dann passiert. Wer jede verlorene Minute mit dem Gaspedal zurückholen will, macht aus einem Organisationsproblem ein Sicherheitsproblem.
Frühzeitig ins Gespräch kommen
Als ehemaliger MPU-Gutachter beim TÜV Hessen habe ich viele Fahrer erst am Ende dieser Entwicklung kennengelernt: Punkte voll, Führerschein weg, Arbeitsplatz in Gefahr.
Unternehmen können früher hinschauen und neben dem Fahrverhalten auch Tourenplanung, Zeitvorgaben und Kommunikationswege prüfen. Und Fahrer können lernen, anders mit Leistungsdruck umzugehen. Eine Verspätung früh zu melden, hat nichts mit fehlender Einsatzbereitschaft zu tun.
Zuverlässig ist nicht, wer den Auftrag um jeden Preis schafft. Zuverlässig ist, wer rechtzeitig sagt: Das ist heute nicht mehr sicher zu schaffen.
– Gunnar Hoyer
Punkte und Fahrverhalten früh einordnen
Wenn sich Verstöße wiederholen, hilft eine verkehrspsychologische Beratung, die eigenen Auslöser und Muster zu verstehen – bevor das Punktekonto weiter steigt oder eine MPU ansteht.
Kostenlose MPU-Erstberatung →Kostenlos und unverbindlich
Über den Autor
Dipl.-Psych. Gunnar HoyerPsychologischer Psychotherapeut und Verkehrspsychologe. Er war als MPU-Gutachter beim TÜV Hessen tätig und begleitet heute Menschen in der verkehrspsychologischen Beratung.
- Psychologischer Psychotherapeut
- Verkehrspsychologe
- Ehem. MPU-Gutachter TÜV Hessen




